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Hormone & Labor

DHEA: Was so viele Menschen erleben und was die Forschung dazu hat

29.10.20267 Min. Lesezeit
Reagenzgläser mit Blutproben in einem Laborständer
In diesem Artikel (8 Punkte)
  1. Was DHEA eigentlich ist
  2. Warum der Spiegel mit dem Alter sinkt
  3. Was Menschen berichten
  4. Was die Studien dazu hergeben
  5. Warum Erfahrung und Studien sich nicht widersprechen
  6. Was ich in der Praxis daraus mache
  7. Mein Fazit
  8. Quellen

Bei kaum einem Hormon klaffen Studienlage und Erfahrung so weit auseinander wie bei DHEA. Die Studien sind dünn. Die Berichte von Menschen, die es nehmen, sind massiv. Beides sind Daten, und beides gehört in eine ehrliche Einordnung.

Das Wichtigste in Kürze30 Sekunden Lesezeit
  • DHEA entsteht in der Nebennierenrinde, dient als Speicher und Rohstoff für Testosteron und Östradiol und wirkt zusätzlich am Nervensystem. Der Spiegel sinkt ab den Zwanzigern.
  • Sehr viele Menschen weltweit berichten von besserem Schlaf, schnellerer Regeneration und mehr Libido. Ich werte diese Erfahrung als Evidenz.
  • Die Studienlage ist dünn: solide lokal an der Scheide und bei echtem Mangel, bei Gesunden mit altersüblichen Werten oft ohne Effekt.
  • Erfahrung und Studien widersprechen sich nicht zwingend: Durchschnitte verwischen Einzelne, der Umbau im Körper ist individuell, und Schlaf lässt sich schwer messen.

Und für alles dazwischen: einfach weiterlesen.

Was DHEA eigentlich ist

Dehydroepiandrosteron, kurz DHEA, entsteht vor allem in der Nebennierenrinde, genauer in der innersten Schicht, der Zona reticularis. Gesteuert wird es wie das Stresshormon Cortisol über ACTH aus der Hirnanhangdrüse. Beide teilen sich also denselben Ursprung, und das ist der Grund, warum sie in der Praxis so oft gemeinsam betrachtet werden.

Im Blut liegt DHEA überwiegend als Sulfat vor, als DHEA-S. Diese Form ist ein Speicher: Sie bleibt viel länger im Kreislauf als das freie DHEA, schwankt kaum im Tagesverlauf und lässt sich deshalb gut messen. Gewebe können das Sulfat abspalten und das DHEA vor Ort weiterverarbeiten, zu Androgenen oder zu Östrogenen. Bei Frauen nach den Wechseljahren entstehen fast alle Östrogene und fast alle Androgene genau so, direkt im Gewebe und aus DHEA (Zhu et al. 2021). Das Hormon ist weniger ein Endprodukt als ein Rohstoff, aus dem der Körper bei Bedarf ganz verschiedene Dinge baut.

Dazu kommt eine zweite Rolle: DHEA und DHEA-S wirken auch direkt im Nervensystem, als Neurosteroide an GABA-A-, NMDA- und Sigma-1-Rezeptoren, also an Systemen, die Erregung, Stimmung und Schlaf mitsteuern (Lin et al. 2025).

Warum der Spiegel mit dem Alter sinkt

Die DHEA-S-Werte erreichen ihren Gipfel in den Zwanzigern und fallen dann Jahr für Jahr ab. Mit Anfang siebzig liegt ein Mensch bei einem Bruchteil seines früheren Höchstwerts. Cortisol macht diesen Weg nicht mit. Die Nebenniere trennt im Alter also zwei Achsen, die in der Jugend im Gleichschritt laufen. Dazu kommen Einflüsse, die den Spiegel früher senken können, etwa langanhaltende Belastung oder die Pille.

Was Menschen berichten

Sehr viele Menschen auf der ganzen Welt nehmen DHEA, und die Berichte ähneln sich auffällig: tieferer und erholsamerer Schlaf, schnellere Regeneration nach Belastung und Training, mehr Lust, mehr Antrieb, eine stabilere Grundstimmung. Foren, Praxen, Sportlerkreise, über Jahrzehnte und über Kulturen hinweg. Das ist keine Randnotiz.

Für mich zählt Erfahrung in dieser Menge als Evidenz. Sie ist keine kontrollierte Studie, und sie hat ihre eigenen Verzerrungen, etwa Erwartung und Selbstauswahl. Aber ein Muster, das so konsistent auftaucht, ist ein Signal, das die Forschung erklären muss und nicht wegerklären darf. In der Medizin kommt die Beobachtung sehr oft vor der Studie.

Auffällig ist auch, wer berichtet. Häufig sind es Menschen, die nach Jahren hoher Belastung, nach Krankheit oder im Alter mit einem niedrigen DHEA-S starten. Das passt zu der Idee, dass der Nutzen bei denen am größten ist, deren Spiegel tatsächlich abgesunken ist. Das ist plausibel und lässt sich bisher nur indirekt stützen.

Was die Studien dazu hergeben

Die Studienlage ist dünn und uneinheitlich. Das liegt zum Teil am Hormon selbst, denn der Körper baut DHEA individuell sehr verschieden um. Eine kontrollierte Studie mit festem Mittelwert tut sich damit schwer. Was es gibt:

Gut belegt: lokal an der Scheide. Eine Metaanalyse von 2026 fasst fünf randomisierte Studien mit 1.611 Frauen nach den Wechseljahren zusammen. Intravaginales DHEA verbesserte Trockenheit und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr gegenüber Placebo, bei milden und seltenen Nebenwirkungen (Lemos et al. 2026).

Libido und Sexualfunktion. Cochrane fand bei Frauen in und nach den Wechseljahren eine leichte Verbesserung der Sexualfunktion, bei Akne als häufigerer Nebenwirkung (Scheffers et al. 2015). Bei Frauen mit Sheehan-Syndrom, also echtem Hormonausfall, besserte sich die Sexualfunktion unter 2 mal 25 mg deutlich, bei unauffälligen Leber-, Fett- und Zuckerwerten (Mandal et al. 2022). Bei gesunden Älteren mit altersüblichen Werten zeigte die DAWN-Studie über ein Jahr keinen Unterschied zu Placebo (Kritz-Silverstein et al. 2008).

Schlaf. Hier gibt es eine Beobachtung, die viel erklärt. In einer kleinen Crossover-Studie an sieben Frauen nach den Wechseljahren stiegen unter 50 mg abends Testosteron und Östradiol bei allen, aber bei jeder anders. Die Schlafqualität verbesserte sich mit dem Anstieg von Testosteron und verschlechterte sich mit dem Anstieg von Östradiol (Caufriez et al. 2013). DHEA kann den Schlaf also fördern oder stören, je nachdem, wohin der Körper es umbaut. Das ist eine Pilotstudie mit sieben Teilnehmerinnen, aber sie liefert genau die Art von Mechanismus, die erklärt, warum die einen schwärmen und andere es nicht vertragen. In zwei weiteren Arbeiten blieb der Schlaf unverändert (Otaka et al. 2018 mit 10 Sportlerinnen und 25 mg; Dayal et al. 2005 mit 50 Frauen über zwölf Wochen).

Regeneration und Muskeln. Die Übersichtsarbeit von 2025 beschreibt DHEA als möglichen Förderer des Muskelaufbaus, vor allem zusammen mit Krafttraining, mit uneinheitlichen Ergebnissen (Lin et al. 2025). In der zwölfwöchigen Studie an Frauen nach den Wechseljahren stiegen die Androgene unter 50 mg deutlich, Muskelmasse, Kraft und Ausdauer veränderten sich nicht (Dayal et al. 2005).

Hormone und Stoffwechsel. Bei älteren Frauen hebt DHEA den Testosteronwert im Schnitt um etwa 17 ng/dl und den Östradiolwert um rund 7 pg/ml (Hu et al. 2020; Zhu et al. 2021). Der Nüchternzucker sinkt um gut 2 mg/dl, Insulin bleibt unverändert (Wang et al. 2020). Das HDL fällt im Schnitt um etwa 3 mg/dl, bei Frauen um gut 5, bei Männern gar nicht (Qin et al. 2020).

Weitere Signale. Bei Frauen mit schlechter Eierstockantwort zeigte sich unter DHEA mehr Einnistung und mehr klinische Schwangerschaften (Zhu et al. 2023) und mehr gewonnene Eizellen (Conforti et al. 2024). Bei Nebenniereninsuffizienz fand eine Metaanalyse einen kleinen Gewinn an Lebensqualität und Stimmung (Alkatib et al. 2009). Gedächtnis und Denkleistung bleiben bei Gesunden unverändert (Huppert & van Niekerk 2001; Sultana et al. 2023).

Unterm Strich: ein paar solide Befunde, einige Signale, viele offene Fragen. Für Schlaf, Regeneration und Libido bei Gesunden fehlen die großen, gut gemachten Studien schlicht.

Warum Erfahrung und Studien sich nicht widersprechen

Studien messen Durchschnitte. Wenn drei von zehn deutlich profitieren und sieben nichts spüren, bleibt im Mittel kaum etwas übrig. Der Durchschnitt sagt nicht, wer die drei sind.

Die Teilnehmer hatten meist keinen Mangel. Die großen Studien untersuchen Gesunde mit altersüblichen Werten. Dort, wo ein echter Mangel vorlag, wie bei Sheehan-Syndrom oder Nebenniereninsuffizienz, sahen die Studien Effekte.

Der Umbau ist individuell. Wohin das DHEA im Körper geht, entscheidet über den Effekt, wie die Schlafstudie zeigt. Ein Mittelwert über Menschen mit ganz verschiedenem Umbau verwischt genau diesen Unterschied.

Gemessen wird oft das Falsche. Schlafqualität, Erholung und Lust sind subjektive Größen, die in kurzen Studien mit groben Fragebögen schlecht abgebildet werden. Wer erlebt, dass er besser schläft, hat etwas bemerkt, das ein Fragebogen vielleicht nicht trifft.

Was ich in der Praxis daraus mache

Ich schaue DHEA-S nie allein an. Ein einzelner Wert ohne Alter, Geschlecht, Cortisol, Schlaf und Lebenssituation sagt wenig. Eine Frau von 28 und ein Mann von 68 haben völlig verschiedene Normalbereiche, und selbst innerhalb derselben Altersgruppe streuen die Werte stark.

Mich interessiert, wie die ganze Nebennierenachse arbeitet: Wie fällt der Cortisolverlauf über den Tag aus? Wie stehen Sexualhormone und SHBG dazu? Was hat die Person in den letzten Monaten getragen? Ein niedriger DHEA-S-Wert nach Jahren im Dauerbetrieb erzählt eine andere Geschichte als derselbe Wert bei einer Frau, die seit Jahren die Pille nimmt, die den Spiegel ebenfalls senkt.

Weil der Umbau so individuell ausfällt, ist die Kontrolle nach dem Start für mich Teil des Wegs. Ich schaue, was sich bei Testosteron und Östradiol tut, und frage genauso, was der Mensch selbst bemerkt: Schlaf, Erholung, Energie, Lust. Beides zusammen ergibt das Bild.

Mein Fazit

DHEA ist ein Hormon mit großer Streuung. Die Studien sind dünn, die Berichte vieler Menschen sind es nicht, und beide ernst zu nehmen heißt, sie getrennt zu halten. Die Erfahrung ist breit und konsistent. Die Forschung liefert erste Mechanismen, vor allem den Umbau in Testosteron und Östradiol und die Wirkung am Nervensystem. Wer niedrig startet und gut umbaut, könnte deutlich anders reagieren als der Durchschnitt der Studien. Das ist plausibel und noch nicht bewiesen. Dass der Pegel mit dem Alter sinkt, ist gut dokumentiert. Welche Rolle das im einzelnen Menschen spielt, klärt sich am besten dort, wo Messwert und Erleben zusammenkommen.

Quellen

  • Lemos MJ et al. Intravaginal dehydroepiandrosterone for the treatment of vulvovaginal atrophy: a systematic review and meta-analysis. Menopause 2026. doi:10.1097/GME.0000000000002736 Link
  • Scheffers CS et al. Dehydroepiandrosterone for women in the peri- or postmenopausal phase. Cochrane Database Syst Rev 2015. doi:10.1002/14651858.CD011066.pub2 Link
  • Kritz-Silverstein D et al. Effects of dehydroepiandrosterone supplementation on cognitive function and quality of life: the DHEA and Well-Ness (DAWN) Trial. J Am Geriatr Soc 2008. doi:10.1111/j.1532-5415.2008.01768.x Link
  • Caufriez A et al. Effects of a 3-week dehydroepiandrosterone administration on sleep, sex steroids and multiple 24-h hormonal profiles in postmenopausal women: a pilot study. Clin Endocrinol 2013. doi:10.1111/cen.12201 Link
  • Otaka M et al. Does ovulation affect performance in tennis players? BMJ Open Sport Exerc Med 2018. doi:10.1136/bmjsem-2017-000305 Link
  • Dayal M et al. Supplementation with DHEA: effect on muscle size, strength, quality of life, and lipids. J Womens Health 2005. doi:10.1089/jwh.2005.14.391 Link
  • Lin HY, Chen JH, Chen KH. The sex hormone precursors DHEA and its sulfate ester form DHEAS: molecular mechanisms and actions on human body. Int J Mol Sci 2025. doi:10.3390/ijms26178568 Link
  • Mandal S, Mukhopadhyay P, Ghosh S. DHEA on sexual function in Sheehan syndrome: a randomized double-blind placebo-controlled crossover trial. J Clin Endocrinol Metab 2022. doi:10.1210/clinem/dgac260 Link
  • Alkatib AA et al. DHEA treatment effects on quality of life in women with adrenal insufficiency: a systematic review and meta-analysis. J Clin Endocrinol Metab 2009. doi:10.1210/jc.2009-0672 Link
  • Hu Y et al. Impact of DHEA supplementation on testosterone concentrations and BMI in elderly women: a meta-analysis. Complement Ther Med 2020. doi:10.1016/j.ctim.2020.102620 Link
  • Zhu Y et al. The effect of DHEA supplementation on estradiol levels in women: a dose-response and meta-analysis. Steroids 2021. doi:10.1016/j.steroids.2021.108889 Link
  • Wang X et al. The influence of DHEA on fasting plasma glucose, insulin levels and HOMA-IR: a systematic review and dose response meta-analysis. Complement Ther Med 2020. doi:10.1016/j.ctim.2020.102583 Link
  • Qin Y et al. Effects of DHEA supplementation on the lipid profile: a systematic review and dose-response meta-analysis. Nutr Metab Cardiovasc Dis 2020. doi:10.1016/j.numecd.2020.05.015 Link
  • Zhu F et al. TEAS, DHEA, CoQ10, and GH for poor ovarian response undergoing IVF-ET: a systematic review and network meta-analysis. Reprod Biol Endocrinol 2023. doi:10.1186/s12958-023-01119-0 Link
  • Conforti A et al. Therapeutic management in women with a diminished ovarian reserve: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Fertil Steril 2024. doi:10.1016/j.fertnstert.2024.09.038 Link
  • Huppert FA, van Niekerk JK. Dehydroepiandrosterone (DHEA) supplementation for cognitive function. Cochrane Database Syst Rev 2001. doi:10.1002/14651858.CD000304 Link
  • Sultana F, Davis SR, Islam RM. Effect of dehydroepiandrosterone therapy on cognitive performance among postmenopausal women. Menopause 2023. doi:10.1097/GME.0000000000002251 Link

Stand der Angaben: 29.10.2026.

Foto: Testalize.me · Unsplash

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