Was Peptide wirklich sind, und warum die Aufregung darum wenig mit der Realität zu tun hat
Dr. Abud Bakri ist Facharzt für Innere Medizin. Er kennt die Studienlage zu Peptiden so gut wie kaum jemand im klinischen Betrieb. Im Huberman Lab Podcast, erschienen am 1. Juni 2026, sagt er etwas, das sich unspektakulär anhört, aber eigentlich ziemlich radikal ist: Peptide sind keine Substanzen, die der Körper nicht kennt. Sie sind Teil dessen, was der Körper die ganze Zeit schon selbst herstellt.
Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit. Ist es aber nicht, wenn man beobachtet, mit welcher Vorsicht, manchmal mit welcher Panik, über diese Verbindungen gesprochen wird.
Was ein Peptid überhaupt ist
Ein Peptid ist eine kurze Kette aus Aminosäuren. Aminosäuren sind dieselben Bausteine, aus denen Proteine bestehen. Der Unterschied ist die Länge: Ein Protein kann Tausende Aminosäuren lang sein, ein Peptid hat meist unter 50. Weil sie so klein sind, können sie als Signalmoleküle wirken: Sie docken an Rezeptoren an, sie kommunizieren zwischen Zellen, sie geben dem Körper Informationen.
GLP-1 ist ein Peptid. Das körpereigene Molekül, auf das Ozempic wirkt, ist ein Peptid. Insulin ist ein Peptid. Oxytocin ist ein Peptid. Wenn also jemand fragt, ob Peptide "natürlich" oder "gefährlich" sind, lautet die nüchterne Antwort: Das kommt sehr darauf an, welches Peptid, in welcher Dosis, auf welchem Weg.
BPC-157: das bekannteste Beispiel
BPC-157 steht für Body Protection Compound 157. Es wurde aus Magensaft isoliert, was erklärt, warum es bei oraler Einnahme stabil bleibt, anders als die meisten Peptide. Die Tierforschung dazu ist umfangreich: Sehnenheilung, Geweberegeneration, entzündungshemmende Wirkung, neurologische Effekte. Ratten, Mäuse, Kaninchen. Hunderte Studien.
Was es nicht gibt, sind große randomisierte kontrollierte Studien am Menschen. Das ist ein echter Punkt. Die Frage ist, was man daraus ableitet.
Bakri und Huberman sind da klar: Keine großen Humanstudien bedeutet nicht, dass die Substanz nicht wirkt. Es bedeutet, dass sie nicht patentierbar ist, weil sie aus einem natürlichen Körpersekret stammt. Und Substanzen ohne Patent haben kein Pharmaunternehmen, das eine Milliarden-Dollar-Studie finanziert. Das ist ein strukturelles Problem des Forschungssystems, kein Qualitätsurteil über das Molekül.
Was in über 20 Jahren Anwendung weltweit dokumentiert ist: kein einziger Fall einer schweren Nebenwirkung durch klassische Peptide wie BPC-157 oder TB-500. Das ist keine Erfolgsgeschichte aus dem Marketing. Das ist die Abwesenheit von Schadensfällen in einer Zeit, in der sie reichlich hätten auftauchen können.
Die russische Forschung, die der Westen übersehen hat
Ein Teil der Peptidforschung kommt nicht aus angloamerikanischen Labors. Die Gruppe um Vladimir Khavinson am Institut für Biogerontologie in St. Petersburg hat seit den 1970er Jahren bioregulatorische Peptide untersucht, darunter Epithalon und Pinealon, beide abgeleitet aus der Zirbeldrüse.
Epithalon soll die Telomerase-Aktivität beeinflussen und zirkadiane Rhythmen stabilisieren. Pinealon, ein aus drei Aminosäuren bestehendes Tripeptid, wirkt nach aktuellen Erkenntnissen auf kognitive Funktion und Schlaf. Huberman berichtete im Podcast, sein REM-Schlaf habe sich über mehrere Monate der Pinealon-Anwendung annähernd verdoppelt, von etwa 1,5 auf knapp 3 Stunden, gemessen mit einem Schlaf-Tracker.
Diese Forschung ist methodisch nicht immer auf demselben Standard wie ein großes randomisiertes Trial. Aber sie existiert. Sie wurde veröffentlicht. Sie wird ignoriert, nicht weil sie widerlegt ist, sondern weil sie nicht auf Englisch erschien und nicht im Journal-System läuft, das westliche Mediziner als Referenz nutzen.
Bakri nennt das, höflich formuliert, eine Lücke im Horizont. Die Arroganz, alles außerhalb des eigenen Publikationssystems als nicht-existent zu behandeln, ist keine wissenschaftliche Haltung. Sie ist eine kulturelle.
Was die FDA-Verbote wirklich bedeuten
Im Oktober 2023 hat die FDA BPC-157 für Compounding Pharmacies verboten. Epithalon ist ebenfalls nicht zugelassen. Ipamorelin und Thymosin Alpha-1 wurden im März 2026 wieder in die Liste zugelassener Compounding-Substanzen aufgenommen, nachdem sie zeitweise verboten waren.
Bakri sagt dazu etwas, das über den Peptid-Kontext hinausgeht: Regulatorische Behörden sollen Rahmenbedingungen schaffen und Sicherheitsstandards setzen. Sie sollen nicht zwischen Arzt und Patient treten. Wenn ein Arzt eine Substanz mit bekanntem Sicherheitsprofil, jahrzehntelanger Forschungsgeschichte und keiner dokumentierten schweren Nebenwirkung einsetzen möchte, ist das eine klinische Entscheidung. Keine regulatorische.
Das ist keine Anti-FDA-Position. Es ist eine Position für den Vorrang der Arzt-Patient-Beziehung.
Der Graumarkt ist das eigentliche Problem
Was Bakri als besorgniserregend beschreibt, ist nicht die Substanz an sich. Es ist die Quelle. Wer BPC-157 oder andere Peptide über nicht regulierte Online-Händler bezieht, hat keine Garantie über Reinheit, Dosierung oder Lagerung. Peptide sind empfindlich. Ein falsch gelagertes Peptid ist ein anderes Molekül.
Die FDA-Verbote haben nicht dazu geführt, dass weniger Menschen Peptide nehmen. Sie haben dazu geführt, dass mehr Menschen sie über den Graumarkt beziehen, ohne ärztliche Begleitung und ohne Qualitätssicherung. Das ist das Gegenteil von Patientenschutz.
Compounding Pharmacies, also Apotheken, die für individuelle Patienten auf Rezept herstellen, sind der richtige Weg. Sie sind reguliert, sie stellen sauber her, und der Arzt ist im Boot.
Was das für die Praxis bedeutet
Bakri und Huberman enden nicht mit einer Empfehlung, Peptide zu nehmen. Sie enden mit einer Einladung, das Thema ernster zu nehmen als die Schlagzeilen es tun.
Wer sich fragt, ob Peptide etwas für ihn sind: erst Schlaf, Ernährung, Bewegung, Stress. Peptide sind kein Ersatz für Grundlagen. Sie sind ein mögliches Werkzeug für Menschen, die die Grundlagen haben und weiter schauen wollen.
Wer das tut: mit einem Arzt oder Therapeuten, nicht mit einem Bodybuilding-Forum. Mit einer regulierten Quelle, nicht mit einem anonymen Online-Shop. Mit realistischen Erwartungen, nicht mit dem Versprechen, dass ein Peptid alles repariert, was vorher nicht funktioniert hat.
Das klingt wenig dramatisch. Es ist aber das, was die Forschung hergibt, und das ist genug.