Was viele an Resilienz wirklich falsch verstehen
Resilienz ist eines dieser Wörter, das irgendwann aufgehört hat, etwas Konkretes zu bedeuten. Es taucht in Ratgebern auf, in HR-Präsentationen, auf Tassen. Und meistens meint es dasselbe: stark sein, nicht zusammenbrechen, weitermachen.
Das ist nicht falsch. Aber es ist unvollständig. Und die Lücke zwischen dem, was Resilienz tatsächlich ist, und dem, was die meisten Menschen darunter verstehen, erzeugt einen stillen Druck, der mehr schadet als nützt.
Die Verwechslung, die alles komplizierter macht
Viele Menschen glauben, dass resiliente Menschen anders fühlen. Weniger. Dass Krisen an ihnen abprallen, dass sie emotional stabiler verdrahtet sind, dass sie, wenn das Leben sie trifft, irgendwie ruhiger bleiben als andere.
Das stimmt nicht. Und die Forschung ist da ziemlich eindeutig.
Dr. George Bonanno, Psychologe an der Columbia University und einer der führenden Resilienzforscher der letzten zwanzig Jahre, definiert Resilienz nicht als Abwesenheit von Reaktion, sondern als die Fähigkeit, nach einer belastenden Erfahrung in einen funktionsfähigen Zustand zurückzukehren. Nicht ohne Reaktion. Zurück zur Funktion.
Der Unterschied klingt klein. Er ist es nicht.
Was eine Krise mit dem Nervensystem macht
Wenn etwas Einschneidendes passiert, ein Verlust, ein Konflikt, eine schlechte Diagnose, reagiert das autonome Nervensystem. Das ist keine Schwäche. Das ist Physiologie.
Der Sympathikus aktiviert sich, Cortisol steigt, die Herzfrequenz erhöht sich, kognitive Kapazitäten verschieben sich von vorausschauendem Denken auf unmittelbare Reaktion. Das ist kein Zeichen von fehlender Stärke. Das ist ein evolutionär sinnvoller Mechanismus, der uns seit hunderttausend Jahren am Leben hält.
Die relevante Frage ist also nicht: Reagierst du? Sondern: Wie schnell und wie vollständig regulierst du dich wieder herunter?
In der Stressforschung nennt man das Erholung oder Regulationsgeschwindigkeit. Und genau dieser Parameter, nicht die Intensität der Erstreaktion, unterscheidet Menschen mit hoher von Menschen mit niedrigerer Resilienz.
Resilienz ist kein Zustand. Es ist ein Prozess.
Eine weitere Verwechslung: Resilienz wird oft als feste Eigenschaft behandelt. Entweder hat man sie, oder nicht. Man ist resilient, oder man ist es nicht.
Das ist nicht wie es funktioniert.
Resilienz ist kontextabhängig, veränderbar und trainierbar. Was in einem Lebensbereich gut funktioniert, kann in einem anderen versagen. Jemand der beruflich unter Druck kaum kippt, kann in einer Partnerschaftskrise völlig aus der Bahn geraten. Und umgekehrt.
Ann Masten, Entwicklungspsychologin an der University of Minnesota, prägte dafür den Begriff ordinary magic: Resilienz basiert nicht auf außergewöhnlichen Eigenschaften, sondern auf gewöhnlichen Systemen, die gut funktionieren. Nervensystem, soziale Bindungen, Selbstwahrnehmung, Schlaf, körperliche Gesundheit. Wenn diese Systeme stabil sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir Krisen besser verarbeiten.
Das bedeutet: Resilienz ist beeinflussbar. Durch Schlaf. Durch Bewegung. Durch Beziehungsqualität. Durch Körperarbeit. Durch therapeutische Begleitung. Durch das, was wir in der Praxis täglich sehen.
Was das klinisch bedeutet
In der Arbeit mit Patientinnen und Patienten beobachten wir häufig dasselbe Muster: Menschen, die sich vorwerfen, nicht resilient genug zu sein, weil sie nach einer schwierigen Phase immer noch kämpfen. Weil die Reaktion zu stark war. Weil sie zu lange gebraucht haben, um wieder auf die Beine zu kommen.
Dieser Selbstvorwurf ist das eigentliche Problem. Er verlängert die Erholungszeit, erhöht die Stressbelastung zusätzlich und macht Regulierung schwieriger.
Was diese Menschen brauchen, ist kein Tipp. Sie brauchen ein klareres Bild davon, was Resilienz tatsächlich ist. Und was nicht.
Resilienz heißt nicht: nicht treffen lassen. Es heißt: sich treffen lassen und trotzdem zurückfinden.
Studienangaben
Bonanno, G. A. (2004). Loss, trauma, and human resilience: Have we underestimated the human capacity to thrive after extremely aversive events? American Psychologist, 59(1), 20–28.
Bonanno, G. A., & Mancini, A. D. (2008). The human capacity for resilience: A review and critique. Development and Psychopathology, 20(2), 659–672.
Masten, A. S. (2001). Ordinary magic: Resilience processes in development. American Psychologist, 56(3), 227–238.
Southwick, S. M., & Charney, D. S. (2012). The science of resilience: Implications for the prevention and treatment of depression. Science, 338(6103), 79–82.
Kalisch, R., Müller, M. B., & Tüscher, O. (2015). A conceptual framework for the neurobiological study of resilience. Behavioral and Brain Sciences, 38, e92.
McEwen, B. S. (2007). Physiology and neurobiology of stress and adaptation: Central role of the brain. Physiological Reviews, 87(3), 873–904.