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Stress & Schlaf

Was viele an Resilienz wirklich falsch verstehen

24.05.20263 Min. Lesezeit
Was viele an Resilienz wirklich falsch verstehen
In diesem Artikel (5 Punkte)
  1. Die Verwechslung, die alles komplizierter macht
  2. Was eine Krise mit dem Nervensystem macht
  3. Resilienz ist kein Zustand. Es ist ein Prozess.
  4. Was das klinisch bedeutet
  5. Studienangaben

Resilienz wird gern mit Coolness gleichgesetzt, als müsse man weniger fühlen. Die Forschung zeigt etwas anderes: Nicht ohne Reaktion, sondern zurück zur Funktion.

Resilienz ist eines dieser Wörter, das irgendwann aufgehört hat, etwas Konkretes zu bedeuten. Es taucht in Ratgebern auf, in HR-Präsentationen, auf Tassen. Und meistens meint es dasselbe: stark sein, nicht zusammenbrechen, weitermachen.

Das ist nicht falsch, aber unvollständig. Die Lücke zwischen dem, was Resilienz tatsächlich ist, und dem, was die meisten darunter verstehen, erzeugt einen stillen Druck, der mehr schadet als nützt.

Die Verwechslung, die alles komplizierter macht

Viele Menschen glauben, resiliente Menschen fühlten anders, nämlich weniger. Krisen prallten an ihnen ab, sie seien emotional stabiler verdrahtet und blieben ruhiger, wenn das Leben sie trifft.

Das stimmt nicht, und die Forschung ist da ziemlich eindeutig.

Dr. George Bonanno, Psychologe an der Columbia University und einer der führenden Resilienzforscher der letzten zwanzig Jahre, definiert Resilienz nicht als Abwesenheit von Reaktion, sondern als die Fähigkeit, nach einer belastenden Erfahrung in einen funktionsfähigen Zustand zurückzukehren. Nicht ohne Reaktion, sondern zurück zur Funktion.

Der Unterschied wirkt klein, verändert aber den Blick auf sich selbst.

Was eine Krise mit dem Nervensystem macht

Wenn etwas Einschneidendes passiert, ein Verlust, ein Konflikt, eine schlechte Diagnose, reagiert das autonome Nervensystem. Das ist keine Schwäche, sondern Physiologie.

Reaktion und Rückkehr
Aktivierung (relativ)KriseErstreaktionErholungSchnelle RegulationLangsamere RegulationErstreaktionZurück zur Funktion

Schematische Darstellung: gleiche Erstreaktion, entscheidend ist die Geschwindigkeit der Regulation.

Der Sympathikus aktiviert sich, Cortisol steigt, die Herzfrequenz erhöht sich, und die kognitiven Kapazitäten verschieben sich von vorausschauendem Denken auf unmittelbare Reaktion. Das ist ein evolutionär sinnvoller Mechanismus, der uns seit hunderttausend Jahren am Leben hält.

Die relevante Frage lautet also nicht, ob du reagierst. Sie lautet: Wie schnell und wie vollständig regulierst du dich wieder herunter?

In der Stressforschung spricht man von Erholung oder Regulationsgeschwindigkeit. Dieser Parameter unterscheidet Menschen mit hoher von Menschen mit niedrigerer Resilienz, nicht die Intensität der Erstreaktion.

Resilienz ist kein Zustand. Es ist ein Prozess.

Eine weitere Verwechslung: Resilienz wird oft als feste Eigenschaft behandelt. Entweder man hat sie, oder man hat sie nicht.

Ordinary magic
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Nach Masten beruht Resilienz auf gewöhnlichen Systemen, die gut funktionieren.

So funktioniert es nicht.

Resilienz ist kontextabhängig, veränderbar und trainierbar. Was in einem Lebensbereich gut funktioniert, kann in einem anderen versagen. Wer beruflich unter Druck kaum kippt, kann in einer Partnerschaftskrise völlig aus der Bahn geraten, und umgekehrt.

Ann Masten, Entwicklungspsychologin an der University of Minnesota, prägte dafür den Begriff ordinary magic: Resilienz beruht nicht auf außergewöhnlichen Eigenschaften, sondern auf gewöhnlichen Systemen, die gut funktionieren. Nervensystem, soziale Bindungen, Selbstwahrnehmung, Schlaf, körperliche Gesundheit. Sind diese Systeme stabil, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir Krisen besser verarbeiten.

Resilienz ist also beeinflussbar: durch Schlaf, durch Bewegung, durch die Qualität von Beziehungen, durch Körperarbeit, durch therapeutische Begleitung. Das sehe ich in der Praxis täglich.

Was das klinisch bedeutet

In der Arbeit mit meinen Klienten beobachte ich häufig dasselbe Muster: Menschen werfen sich vor, nicht resilient genug zu sein, weil sie nach einer schwierigen Phase immer noch kämpfen. Weil die Reaktion zu stark war. Weil sie zu lange gebraucht haben, um wieder auf die Beine zu kommen.

Dieser Selbstvorwurf ist das eigentliche Problem. Er verlängert die Erholungszeit, erhöht die Stressbelastung zusätzlich und macht Regulierung schwieriger.

Diese Menschen brauchen keinen weiteren Tipp. Sie brauchen ein klareres Bild davon, was Resilienz tatsächlich ist und was nicht.

Resilienz heißt nicht, sich nicht treffen zu lassen. Sie heißt, sich treffen zu lassen und trotzdem zurückzufinden.

Studienangaben

Bonanno, G. A. (2004). Loss, trauma, and human resilience: Have we underestimated the human capacity to thrive after extremely aversive events? American Psychologist, 59(1), 20–28.

Bonanno, G. A., & Mancini, A. D. (2008). The human capacity for resilience: A review and critique. Development and Psychopathology, 20(2), 659–672.

Masten, A. S. (2001). Ordinary magic: Resilience processes in development. American Psychologist, 56(3), 227–238.

Southwick, S. M., & Charney, D. S. (2012). The science of resilience: Implications for the prevention and treatment of depression. Science, 338(6103), 79–82.

Kalisch, R., Müller, M. B., & Tüscher, O. (2015). A conceptual framework for the neurobiological study of resilience. Behavioral and Brain Sciences, 38, e92.

McEwen, B. S. (2007). Physiology and neurobiology of stress and adaptation: Central role of the brain. Physiological Reviews, 87(3), 873–904.

Quellen

  • Bonanno GA (2004; 2008)
  • Masten AS (2001)
  • Southwick SM, Charney DS (2012)
  • Kalisch R et al. (2015)
  • McEwen BS (2007)
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